Sonntag, 20. Juli 2014

Mon Tour de France

Blick vor die Haustür gefällig?!
Schon lange freute ich mich auf das Timeout im wunderschönen, verschlafenen Cruis bei Beatrice und Peter im Vitaverde. Endlich raus, endlich Sommer, endlich Sonne, Tapetenwechsel, nichts als radeln, essen, faulenzen, essen, schlafen, essen,... KEIN Trainingslager, wohlgemerkt, eher Aktivurlaub in einer der schönsten Gegenden der Welt, der Haute Provence...

Zum Einrollen machten wir uns natürlich gleich auf eine rechte Tour, die legendäre Lure-Runde, obwohl Peter uns davon ja abgeraten hat. Aber wir Touris wissen es ja selber immer besser und so radelten wir bei Sonnenschein und knapp 20 Grad los talwärts - eben "einrollen". Alles bestens, herrliche Landschaft, ich hätte jauchzen können vor Freude, wieder hier zu sein. Der Anstieg von Norden zog sich dann schon etwas, der Thurathlon-Inline-Rücken zog ebenfalls, der frische Wind auch, so dass ich mir irgendwann allen Ernsts überlegte die Armlinge anzuziehen. Das machen wir dann aber erst ganz oben, dort wo es dann nur noch 12 Grad hatte und man fast vom Gipfel gewindet wurde... Mit klappernden Zähnen, Frostbeulen an den Füssen und steif gefrorenen Händen landeten wir schliesslich nach mehr als 18 km irgendwann wieder unten im Tal, ohne dass ich die supercoole Abfahrt wirklich geniessen konnte. Ich war nur heilfroh, mir endlich eine Kanne Ingwer Tee einverleiben zu können!

Entrée in die Clue de Barles
Drum machten wir uns am folgenden Tag dann auf Richtung Digne-les-Bains, um von dort aus eine Runde zu drehen durch die Clue de Barles, über den Col du Fanget nach Seyne-les-Alpes. Die Aufstiege waren super, die Abfahrten holprig und daher eher anstrengender, aber belohnt wurden wir mit einer phänomenalen Tour, landschaftlich sagenhaft schön, mitten in der Pampa, kein Verkehr, nichts. Leider waren dann beim Parkplatz erst 80 km auf dem Tacho und hä jo, man kann in den Ferien ja nicht mit 80 km heim kommen, also fuhren wir ein 2. Mal in die Schlucht rein, so 20 km, um noch ein paar Fotos zu knipsen - dafür hatten wir bei der 1. Durchfahrt ja keine Zeit - und danach einfach umzukehren:-)

Am Samstag prophezeite der Wetterbericht für 14 Uhr ein Gewitter, das wir um jeden Preis umfahren wollten, denn wer schon mal dort war, weiss, wie schnell und heftig es kommt und dass man allenfalls sogar vom Blitz getroffen werden könnte. Also machten wir uns grad nach dem leckeren Frühstück inkl. Croissants auf Richtung Hospitalet, Opedette, Saint Michel l'Observatoir, wo es übrigens die weltbesten Moelleux au chocolat gibt. Leider war genau dort, nach gut 3 Stunden Fahrzeit und einigen Höhenmetern, dann der Himmel schon arg schwarz, so dass wir einfach weiter stampften - es war definitiv keine "Genussfahrt" - immer schön der Wind von vorne, um dann 5 km vor der Haustür doch noch voll verschifft zu werden. Naja: wenigstens war danach das Velo Dank Don Carbone's Sondereinsatz wieder mal richtig sauber...

Col Puimichel
Am 4. Tag dann ein gemütliches Ausfährtchen im blütenweissen Sunntigsgwändli übern Puimichel, vorbei an bezaubernden Lavendelfeldern im schönsten Blau, Wahnsinn! Um noch eine "kleine" Zusatzschlaufe zu machen, radelten wir dann rasch nach Entrevennes rauf, ein Kaff im Nirgendwo, wo sich nicht mal Fuchs & Hase gute Nacht sagen. Viele Olivenhaine, eine schöne Villa, im winzigen Dorf eine voll besetzte Beiz, sonst nichts. Die Abfahrt dann superkriminell: eng, holprig, steil, unübersichtlich. Tja, und dann passierte, was passieren musste: Ich tuckerte verhalten in die Kurve, sah dass diese fast 360 Grad rum ging, probierte zu bremsen, das Rad blockierte, ich reagierte zu langsam, immer weiter raus Richtung Graben und Wald, uiuiui, nur nicht wie die an der TdF, uiuiui, nur kein Blechschaden, uiuiui, dann könnte ich keine Röckli mehr tragen, UIUIUI... Und schon schlitterte ich raus, irgendwie flog das Velo über mich, während ich einen Salto machte und im weichen Nadelteppich landete. Glück im Unglück: ausser Lackschaden am Lenker und den nigelnagelneuen Schuhen schaute dabei nur eine knutschblaue Füdlibacke raus, passend zum Lavendel halt. Und dabei gab ich nicht mal einen Mucks von mir. Don Carbone wartete nämlich besorgt eine Kehre weiter unten, weil er auch beinahe den Boden geküsst hätte dort oben und ja, er klaubte dann noch einige Piniennadeln aus meinem Trikot, klopfte mir den Dreck vom Rücken, bedauerte kurz, aber mit einem Grinsen, die Showeinlage verpasst zu haben, und weiter ging die Fahrt. In Lurs dann noch eine Stipvisite in die legendären Boulangerie, eine Tarte au flan für mich und eine Wasserpistolensalve für Don Carbone, als Rache sozusagen, und irgendwann nach genau 4 Stunden waren wir dann auch wieder daheim von unserem "Regenerationstraining"...

Santé!
Ja gut, wir probierten es am nächsten Tag noch einmal mit dem Regenerieren mit einer Tour, die wir vom letzten Jahr her bestens kannten und so verwundert es nicht, dass Mrs. S in Manosque aus Versehen den falschen Abzweiger erwischte, aber behauptete, es sei garantiert der richtige. Sie hat ja immer recht. Klar, wir merkten es rasch, aber es war so schön, dass wir sogar aus unserem Kartenausschnitt raus fuhren, über den Luberon drüber und am Ende wieder weit mehr als 4 Stunden pedalten. Macht nix!

Zusammen mit den Teilnehmern der Grande Boucle machten wir am Dienstag dann tatsächlich nichts ausser essen, faulenzen, lesen, sünnele,...und weitere Touren planen. Und ja, so eine gute Stunde vor der Nachtessenszeit hielten wir es nicht mehr aus und mussten noch schnell ein bisschen laufen gehen...aber nur kurz!

Ventoux zum Dritten!
Für die Königsetappe waren wir also bestens erholt. A l'attaque au Mont Ventoux! Dieses Jahr sollte es von Malaucène hoch gehen, nur 21 km Anstieg, also kein Problem. Wir umfuhren das Massiv auf der Nordseite vorbei an Montbrun, einem winzigen mittelalterliche Städchen, und über einige Cols, den Blick immer wieder ehrfürchtig auf den Gipfel gerichtet, der da über uns thronte. Mit einem 30-er Schnitt erreichten wir nach 60 km Malaucène, das Mekka der Pedaleure. Meine Beine und mein Kopf waren ready. Tacho auf Start und los. Die ersten km waren sozusagen flach, was, das war's schon?! Ist das alles? Aber das hätte ich besser nicht gedacht, denn schon bald wurden 14% angekündigt! Von dort musste ich mich redlich bemühen, positiv zu bleiben und einfach locker weiter zu kurbeln. Bidon Nr 1 war in der sengenden Mittagssonne rasch leer, und so ging dann auf halber Strecke das Einteilen los... Es gab nur noch mich, das Rad, den Berg und den Durst. Etwa 5 km vor dem Ziel dann die ultimative Krise, am liebsten hätte ich das Velo ins schöne Tal runter geworfen, mich an den Straßenrand gesetzt und geflennt. Bis hierher konnte ich alle negativen Gedanken zurück halten aber von einer Sekunde zur nächsten überrollte mich die ganze Welle. Echt ätzend! Aber aufgeben gilt ja nicht - ausser für meinen Tacho - und so kämpfte ich mich weiter hoch, in jeder Kehre ein kleines Schlückchen, ich war sooo trocken, immer weiter. Oben dann der Kulturschock: wenn du gut 1 1/2 Stunden ganz allein bist und dich dann plötzlich durch Karawanen von  Campern, Autos und Sandalen-Touris kämpfen musst, das ist total schräg... Dafür habe ich mich unheimlich über das voll überteuerte, dafür eiskalte Cola gefreut. Und über den Ausblick von dort oben. Über das Gipfelfoto mit dem Liebsten. Und vor allem darüber, dass ich den Berg der Berge nun auch noch von der 3. Seite bezwungen habe.  Wie man das allerdings an einem einzigen Tag schaffen kann, ist mir ein Rätsel... Auch die Abfahrt nach Sault war Belohnung für alle Strapazen und das Notfall-Panini und das alkoholfreie Bier und überhaupt: Ich war total geflasht, auch ohne Rennen. Ein absolut geniales Erlebnis!

Trotz etwas müden Beinen machten wir am folgenden Tag noch rasch den Col de Fontbelle, einen 25 km langen Anstieg in der Pampa, platt. Zwischendurch konnten wir uns sogar mit Hagelkörnern etwas runter kühlen. Letztes Jahr fuhren wir dieselbe Tour auch schon, damals war es aber eine rechte Qual, streng und lang und... Dieses Mal lief es wie am Schnürchen und nach guten 4 Stunden waren wir schon wieder daheim und sogar noch fit genug, um noch ein bisschen Souvenir-Shopping zu betreiben vor dem Nachtessen.

Aussicht vom Hausberg Lure
Krönender Abschluss wurde dann unsere Ausrolltour auf den Spuren der Stage 14 der diesjährigen TdF, von zuhause aus los auf sensationell gut präparierten Strassen, über niedliche Wellen, durch Dörfer vorbei an Banon und Simiane nach Nimes - ähm nein, wir nicht. Wir schwenkten ab übern Luberon nach Viens und dann retour durch Alleen, vorbei an Lavendel-, Sonnenblumen- und Anis-Feldern nach Revest-des-Brousses, kleiner Pitstop in der Dorfbeiz, bevor es dann die letzten km abzuspulen galt. Getoppt wurde diese Traumtour dann noch von einem schönen Picknick auf dem Lure mit Blick auf den Berg der Berge, Sonnenuntergang und Sternenhimmel inklusive! So müssen Ferien sein.

So, und wer jetzt noch keine Lust bekommen hat dorthin zu reisen - man kann also auch bestens einfach im Garten liegen und in den Himmel oder Lindenbaum gucken, wandern, biken, klettern oder halt mit dem Cabriolet von Lavendelfeld zu Lavendelfeld fahren - das Essen toppt dann noch alles: allerhand Gemüse frisch aus dem Garten oder der nahegelegenen Hippie-Kooperative, bester Käse aus Banon, dazu immer ein Schlückchen roten Vin du Pays...mmmmmmh! Ich fühle mich nach den 10 Tagen wie eine Schatzkiste. Eine Truhe, die randvoll ist nicht mit Edelmetall, sondern mit Eindrücken, Gerüchen, Gefühlen, Geschmäckern, mit so vielen Dingen, die ich gesehen, erlebt, gefühlt, gerochen, berührt und getan habe, das kann ich nicht beschreiben… C'était un séjour extraordinaire!

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