Montag, 26. September 2016

Sie & Er

Ein Erlebnisbericht von Don Carbone (Er) und Mrs S (Sie)

Er: Prolog
Etwa eine Million Kilometer kamen überschlagsmässig schon zusammen, als dann fast alle Rennfahrer im Clubhaus des RV Fulenbach die Siegerehrung abhielten. Buben und Mädchen auf der einen und nicht wenige Leute, die sicher einen schönen Teil ihre Altersvorsorgegelder in Zeitfahrequipment investierten und deren Radfahrergeschichten ein Buch füllen würden, auf der anderen Seite.

Sehr entspannte Stimmung lag in der Luft, als wir in Fulenbach ankamen und unsere Maschinen für die 20km Zeitfahren, genauer Paarzeitfahren, parat machten. Die meisten Leute kannten sich mehr oder weniger gut. Da fiel man dann schon ein wenig auf. Und als neben uns einer über Triathleten schnödete, die sich im Trilenker einen Augenstecher (Synonym für Trinksystem mit Röhre zum Ansaugen) montieren, konnte Mrs S natürlich nicht ruhig bleiben und mischte die Szene mal kurz auf. Dann war dann also der Plan, unter dem Radar an den Start zu schleichen Geschichte. Nein, ab jetzt wurden unsere Dresses, Maschinen, Laufräder, Schuhe und Körper taxiert und schon vor dem Start in die Kategorien Poser oder doch ernst zu nehmende Gegner eingestuft.

Apropos Kategorie, die hatte den Titel „Sie & Er“ und das hiess, man startete zusammen aus dem Starthaus und sollte dann die zwei 10km Runden so schnell wie möglich durchstampfen. Und natürlich zusammen wieder ankommen, war die Idee. Nun ja, die Strecke war wie gemacht für grosse Motoren. Fast keine Steigungen, guter Belag und aufmerksame Streckenposten! Ob unsere Motoren gross genug waren und vor allem, ob wir eine passende Pace für uns beide finden würden, war die grosse Frage. Bei unserem Test am Freitag machten wir unser Kommandosystem ab, übten die Kurven und in etwa den Pulsbereich und waren zudem durch Eurosportexperte Jean-Claude Leclercq renntaktisch und theoretisch dermassen parat, dass wir uns auch das Teamzeitfahren an der WM zugetraut hätten.

Sie: Prolog
Ausser der oben beschriebenen kleinen Episode auf dem Parkplatz habe ich eigentlich nicht viel zu ergänzen. Ich freute mich unheimlich, mit Don Carbone zusammen die durchaus erfolgreiche Saison ausklingen zu lassen. Beim Einfahren konnte ich meinen Smile nur sehr schlecht unter dem Visier verbergen, ist auch noch landschaftlich schön, dort am Jurafuss. Ausserdem gefällt es mir immer, eine nette Rückenansicht vor mir zu haben und zu sehen, wie sich da die Kolben dynamisch drehen. Kurz vor dem Start machte sich in gewohnter Manier die Nervosität dann doch noch bemerkbar – die Uhr tickte, der Countdown lief, ich quasselte ohne Punkt und Komma.


Er: Km 0 - 5
Der Plan war ja, die ersten zwei Kilometer nicht zu überzocken (und das Laktat dann die folgenden 18km abzubauen, was nicht allzu schnell sein würde)…Soweit der Plan. In der Realität lag der Puls dann schon als ich mich nach dem Startsprint auf den Sattel setze, 10 Schläge höher als im Freitagtraining. Egal, ich wartete auf ein Kommando von hinten, aber als das Kommando nicht kam, fuhr ich langsam aber sicher meinen Puls noch einmal um 10 Schläge in die Höhe. Meine Bedenken, dass sich Mrs S hinter mir langweilen würde, bestätigten sich nach etwa 3km in einer leicht abfallenden Geraden. Ich drückte voll und sie brüllte: „Schneller!“ Dabei hätte sie nach Jean-Claudes Anweisungen „Hü“ oder „Ho“ rufen müssen. Aber was hiess das dann schon wieder übersetzt? Und sowieso, ich hatte keine Luft für Paardiskussionen. Okay, ich haute also alles raus bis zum Kreisel, dann kam zum Glück die kleine Verschnaufpause (1,5 Sekunden) vor der scharfen Rechtskurve und schliesslich wieder rausbeschleunigen und Tempo finden.

Sie: Km 0-5
Also ganz so locker tuckerte ich nicht aus der pinken Startbox los... Hatte meine Beinmukis doch leicht überschätzt und musste die ersten paar Tritte ordentlich würgen, bis sich das Ersatzvorder- und das Holzscheibenrad langsam in Schwung setzten. Ausnahmsweise trug auch ich eine Uhr mit Puls, allerdings konnte ich da keinen Blick drauf werfen, da meine volle Aufmerksamkeit auf die Nabe vom Don gerichtet war. Natürlich hatten wir besprochen, dass ich schon etwas Abstand halten kann, also mehr als nur die gewohnten 7cm, wenn wir locker zusammen gümmelen. In der Aeroposition ist das ganze Handling bekannterweise etwas delikater und im Notfall der Weg zur Bremse dadurch eben etwas länger. Das habe ich in der Hitze des Gefechtes dann aber schon beim Start vergessen. In gewohnter Manier klebte ich mich also ans schnelle Hinterrad und geriet damit in einen wundervollen Sog. Es fühlte sich recht locker an, also das Herz schlug zwar schon, aber normalerweise katapultiere ich mich ja innert 20 Sekunden bereits ins Nirvana. Nun denn, ich dachte, ich sage mal nichts, wir können ja in der 2. Runde dann noch etwas Gas geben. Wäre ja zur Abwechslung auch mal nicht schlimm, ein Rennen clever einzuteilen. Aber nach circa 3 km konnte ich dann meine Klappe doch nicht mehr halten, und unser Tempo verschärfte sich etwas...

Er: Km 5 – 10
Zurück zum Start ging es in langen Wellen hoch ins Dorf Fulenbach. Ich versuchte ein klein wenig rauszunehmen und die Kadenz hoch zu halten, rund zu treten und den Oberkörper ruhig zu halten. Ein kleiner Schluck Wasser für die staubtrockene Kehle lag auch drin. Der Windschatten wirkt weniger, wenn die Strasse leicht ansteigt. Wenn ich also gleich viel drückte wie in der  Fläche oder in leicht abfallenden Streckenteilen, wäre das hinter mir um einiges strenger. Und beim Paarzeitfahren geht es ja nicht nur um den Rhythmus des vorne Fahrenden, sondern fast mehr um den des hinten Fahrenden. Wenn es eines gibt, das nicht passieren sollte, dann das Wegfallen aus dem Windschatten, und das folgende „Warten“. Hier zeigten sich offensichtlich unsere tausenden gemeinsamen Kilometer. Ich weiss, welches Gelände wie zu fahren ist, damit hinter mir kein Loch aufreisst und Mrs S kennt meine Bewegungen und vertraut meiner Fahrtechnik. Und beim Blick auf meine Kassette sah ich immer das Vorderrad meiner „Sie“ Zentimeter dahinter. Schon sehr cool. Und alles bei Tempo zwischen 40 und 55km/h auf dem Zeitfahrlenker. Noch cooler.

Sie: Km 5 – 10
Die Wellen, die ich vom Auto aus etwas ehrfürchtig beäugelt hatte, stellten sich als gar kein Problem heraus. Mein Vordermann dosierte genau richtig, ich blieb schön an ihm kleben, sah unter mir flimmernden Asphalt vorbei fliegen, vor mir nichts als die Nabe. Okay, ich gebe es zu, ich habe ihm auch etwas auf den Hintern geguckt und mich daran erfreut. Ist schon was ganz Tolles, so eine gemeinsame Fahrt! Auch wenn das Tempo zugegebenermassen etwas höher als normal war. Ich fühlte mich auch mit langsam leicht metallischem Geschmack im trockenen Mund hervorragend. Als wir in Fulenbach aus dem Kreisel schossen und der Don zum Bidon griff, bedauerte ich allerdings etwas, nur einen winzig kleinen Schluck für den Notfall mitgenommen zu haben. Aber was soll’s. Runde eins war bereits geschafft.

Er: Km 10 – 15
Vorbei an Start und Ziel, und jetzt noch mal etwas aufdrehen wäre optimal. Aber der Motor ist irgendwie am Anschlag. Ein bisschen mehr drücken und das Ganze wurde unruhig und ich spürte, dass das nichts bringen würde, weil wir es nicht durchziehen könnten. Also weiter die Pace beibehalten. Wir überholten das erste Paar, das vor uns gestartet war auf der abfallenden Geraden. Diesmal kam glücklicherweise kein Kommando mehr von hinten. Ich gab aber eh schon alles.

Sie: Km 10 – 15
Kaum waren wir am Start vorbei, kündigte sich der Hammermann an. Sauer bis in den kleinen Zeh, die Lungen voll am Anschlag, so dass jeder Atemzug schmerzte, Schaum vorm Mund, Rotz aus der Nase. Klasse! Ich hatte es befürchtet: Hätte ich auf den netten Eurosport-Kommentator oder wenigstens auf den Don gehört, hätte ich kein geistreiches „schneller“ nach vorne geworfen, hätte ich jetzt noch etwas Reserve. Hätte wäre wenn. Aber heute gab es keine Birnen. Einfach dran bleiben, nur nicht abreissen lassen! Auch diese Ausfahrt wird ein Ende haben. Bald. Zum Glück böllerten wir dann schon bald einmal an Paar Nummer 55 vorbei, wir waren also nicht, wie von mir zwischendurch befürchtet, wie die Schnecken unterwegs, sondern hatten bereits eine Minute zugefahren. Also weiter!

Er: Km 15 - 20
Dann wieder der Kreisel, die scharfe Rechtskurve und die Wellen hoch. Wir näherten uns dem nächsten Paar, das schnell unterwegs war und wir nur langsam aufholten. Dann aber gab es plötzlich eine Lücke zwischen den Beiden in den leichten Wellen. Das ist das Problem beim Paarzeitfahren: Ein wenig zu stark beschleunigen, eine kleine Welle zu hart durchdrücken und hinter dir kocht unbemerkt das Laktat hoch, bis dein Schatten abreissen lassen muss. Das ist schnell passiert, es ist ein Balanceakt, der viel Gefühl erfordert, wirklich so schnell wie möglich aber eben kein bisschen schneller zu fahren. Das habe ich wie gesagt alles von Jean-Claude gelernt! Danke! Ich fuhr diesen Streckenteil wieder mit 2-3 Pulsschlägen tiefer, rhythmisch mit hoher Kadenz, keine Kraftspitzen, keine harten Antritte. Jean-Claude wäre begeistert gewesen. Von Fulenbach ins Ziel zum Clubhaus gab ich nochmal meine volle Wattleistung, die möglich war. Es ging ja runter und ich wollte „Sie“ nicht langweilen, wie gesagt. Im Ziel pumpten wir beide wie Dampflokomotiven, der Schweiss rann das Visier herunter und der Tacho meinte etwas von einem Schnitt um die 43. Das war richtig, richtig cool!

Sie: Km 15 – 20
Die Wellen schaffte ich gerade noch, aber aus dem Kreisel heraus beschleunigte der Don dermassen, dass ich unmöglich mithalten konnte. Also brüllte ich mal ein „langsamer!“ nach vorn. Keine Reaktion. Ich schickte ein lautes „Ho!“ hinterher. Nichts. „Tammi nomol, fahr doch langsamer, Scheisse, ich bin voll im A...!“ Mindestens 322 Kalorien kostete mich dieser Fluch, der dann nicht nur von den Zuschauern und dem Streckenposten gehört wurde, sondern wundersamerweise trotz krachendem Scheibenradlärm auch unter den Aerohelm des Dons gelang. Der schaute leicht irritiert zurück und drosselte. Mein Blick verengte sich. Flackerten da schon Sternchen? Auf den letzten Metern zum Ziel ging gar nichts mehr. Nichts mit „Ich zieh dich dann noch über den Zielstrich“ oder so. Einfach voll aus. Ausgepowert. Mit zittrigen Beinen liess ich mich in den Schatten plumpsen, total gekocht und nach Luft japsend. War das geil!!!

Er: Schluss
Nun, ganz genau weiss man ja nie, ob das Gefühl, das man im Rennen hatte, sich auch in einer anständigen Zeit niederschlägt. All das theoretische Geplapper von Pacing und  Rhythmus und Kadenz klingt ja etwas blöd, wenn man dann nicht auch schnell ist. Alles richtig machen und dann Verlieren ist geht so lustig. Dann lieber alles falsch machen und gewinnen. Hehe…Aber ich denke, wir waren nahe am Optimalen, was wir bringen konnten. Und es hat unglaublich Spass gemacht. Eine tolle Veranstaltung mit Charme und Herzblut organisiert. Entspannte Stimmung und Raserei auf dem Rennhobel. Das gefällt.
Sie: Schluss
Nahe am Optimalen?! Ja Himmel, was hätte denn noch optimaler laufen können?! Ich war nach diesen 27 Minuten einfach nur geflashed. Taktik oder nicht, Hauptsache schnell. Und das alles zusammen mit Don Carbone zu erleben, mit ihm zusammen danach stundenlang auf dem Endorphin-Wölkli zu schweben, das Ganze dann noch mit einem gutem Wein zu begiessen, das grenzt schon beinahe an Wahnsinn! 

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