Montag, 10. April 2017

La reine du Nord

Statt Moelleux au Chocolat gab's zu meinem 40. Geburtstag sehr viel Staub zwischen die Zähne, aber das hatte ich ja selbst so gewählt und war von langer Hand minutiös geplant... Ausserdem hatte ich den weltbesten Führungstöff ja bereits vergangenen Sommer innert Nullkommagarnichts für mein "Projekt" begeistert und ergo meinen persönlichen Mechaniker respektive Materialwagen stets an meiner Seite, für den Fall, dass... 


Im Morgengrauen, also tendenziell eher noch früher, Tagwache war um 2.45 Uhr - da hat man wenigstens was vom Tag - fanden wir uns in Roubaix ein um unsere bestens ausstaffierten Höbel in einen der 10 Trucks zu verladen und einen der 30 Shuttle Busse zu entern, der uns nach Busigny an den Start chauffieren sollte. Boardingtime war 5:00 Uhr, aber bis dann der hinterste und letzte Krieger gegen halb 7 auf den Platz gerollt kam,... Ja echt jetzt! Die hatten Nerven, denn die Fahrt durch stockdicken Nebel dauerte fast 90 Minuten und Zielschluss war bereits 18.00 Uhr... Leichte Torschlusspanik, sozusagen.



Die ganze Logistik funktionierte aber unglaublich toll, so dass wir mitten im Niemandsland unsere 172 km dann doch noch in Angriff nehmen konnten. Sehen konnten wir zwar nichts, aber die gelben Pfeile lotsten uns punktgenau in den ersten der 29 Sektoren, in welchem dann grad auch schon zum 1. Mal die Zeit gestoppt wurde. Daher war die Anfahrt eher hektisch, inmitten von 2000 Männern und 38 anderen Frauen, alle wollten ja als erstes in den 2,2 km langen Troisvilles à Inchy reinknallen. Geknallt hat dann aber eher der Materialregen... Meine Güte, was da alles flog! So was habe ich noch GAR NIE gesehen: Bidons, Satteltaschen, Bidonhalter, Lichter, Gels, Ersatzschläuche,... Alles schoss einem um die Ohren. Was das Ganze noch etwas tückischer machte, denn nebst den Pedaleuren musste man auch noch um den ganzen Müll rumzirkeln... So was von geflashed war ich schon lange nicht mehr. Das lief für uns ja wie am Schnürchen und drum strahlen wir auf dem Foto oben beim 1. Verpflegungsposten nach 45 km auch noch um die Wette.


Dieses euphorische Glücksgefühl verliess mich dann aber gut 30 Kilometer später in der Trouée d'Arenberg schlagartig. Ich hatte mit diesem hässlichsten aller Sektoren bereits einige Tage davor Bekanntschaft gemacht (das Foto stammt von dieser ersten Tour) und ich wusste, dass es dieses Mal keine Ausweichmöglichkeiten mehr geben würde, da bereits die Absperrgitter für das Profirennen aufgebaut waren. Also Grind abe und volle Kanne rein schiessen! Gedacht, getan. Mit fast 35 km/h donnerte ich in den Sektor, schoss an Don Carbon vorbei, grinste frech und wusste aber bereits da: Mädel, das wird nicht gut gehen... Nach 400 Metern von total 2,4 km war schon Ende Feuer, "Hölle" trifft's noch überhaupt nicht. Obwohl ich eigentlich nur am Überholen war, gab's dann hinten raus kein Grinsen mehr, ich war total im Ar***, sauer, durchgeschüttelt, demoralisiert, leer. Die Fahrt bis zum nächsten Verpflegungsposten und durch 6 weitere Sektoren waren alles andere als lustig.


Schnell, schnell 2 Orangenschnitze und gefühlte 1000 Kalorien in Form von Gaufres runterschlingen, und schon konnte ich wieder lachen! Bin eben ein einfaches Gemüt. Ich freute mich auf die kommenden Sektoren, die hatte ich ja auch schon vorab rekognosziert und wusste: die mach ich platt! Ehrlich gesagt hab ich mich ja selbst etwas überrascht, aber ich konnte tatsächlich durch alle 55 Pavé-km konstant durchböllern... Obwohl: langsam aber sicher fing es an zu genüegele. Jeder Schachtdeckel, jede Bodenwelle tat schon weh, ich hatte Beulen an den Handballen und lange Tranchiermesser schienen in der Nackenmuskulatur zu stecken. Heul leise, fauchte ich mich an, du hast es so gewollt, biss tapfer in den Lenker und trampelte weiter. Allerdings jetzt nicht mehr unbedingt still. Je näher wir zum Velodrom kamen, umso häufiger liess ich einen Schwall furchtbar wüster Wörter und Verwünschungen los. Immerhin wusste Don Carbone dann aber auch sofort, dass ich noch immer an seinem Hinterrad klebte.


A propos "kleben": Dank dem Nebel am Morgen war alles nass und dank dem tollen Frühlingswetter der Untergrund staubtrocken, so dass Foil und ich bis am Nachmittag dann ganz schön paniert waren... An dieser Stelle vielleicht noch was zu unserem Material: zéro crevaisons, zéro ruptures de rayons, et seulement une petite chute. Was für so ein Ganztagesabenteuer gar nicht mal so schlecht ist. Also haben sich die Auslagen mehr als gelohnt, vor allem wenn man gesehen hat, wie viele Platten und Defekte da unterwegs behoben werden mussten, incroyable! Die fetten FMB Paris Roubaix Collé's sind unzerstörbar und dank geringem Druck (4 Bar reichen) fährt es sich damit ordentlich komfortabel in Anbetracht des nicht ganz planen Untergrundes. Die Ambrosio Nemesis Alufelgen mit 36 Speichen und grünen Nippeln, gell Meister Fehr, bersten auch in den dollsten Schlaglöchern nicht, und die habe ich wirklich allesamt mitgenommen... 


Nach 6 Stunden und 20 Minuten dann endlich, endlich, ein letztes Mal rechts abbiegen, rein in die legendäre offene Rennbahn, das Bimmeln der Glocke, eine allerletzte Ehrenrunde, hoch rauf in die Kurve, mich dann wie ein Raubvogel fallen lassen, das alles mit einem breiten Grinsen im Gesicht, heimlich noch ein paar Tränchen hinter der Brille vergiessen, vor Freude, Erleichterung und aus Erschöpfung, ein allerletztes Mal die Pedalen durchdrücken, und das war's. Was für ein epischer Geburtstag! 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen